Forschung

Formt Sprache unser Denken?
Ein alter Streit, neu betrachtet

Von Dr. Hannah Kirschner. Was passiert, wenn wir uns eine andere Sprache aneignen? Ein Blick auf die Wechselwirkung zwischen Wortschatz und kognitiven Fähigkeiten.

Veröffentlicht am 14. Oktober 2023 · 12 Min. Lesezeit

Wissenschaftlerin am Whiteboard analysiert Sprachmuster
Historischer Abriss

Sapir und Whorf: Der Streit um das Relativitätsprinzip

Die Frage, ob Sprache die Realität formt oder nur beschreibt, ist so alt wie die Sprachwissenschaft selbst. Mitte des 20. Jahrhunderts formten die Anthropologen Edward Sapir und sein Schüler Benjamin Lee Whorf die Theorie des linguistischen Relativismus.

Whorf beobachtete in den 1930er Jahren bemerkenswerte Unterschiede zwischen der amerikanischen indigenen Sprache Hopi und der englischen Sprache. Er argumentierte, dass die Hopi-Zeitvorstellung nicht linear, sondern eher ereignisbasiert sei, und schloss daraus, dass die Hopi-Sprecher eine völlig andere Wahrnehmung von Zeit besäßen als Sprecher von europäischen Sprachen.

Dies führte zu einer tiefen Spaltung: Einige, wie Whorf, argumenteten für eine starke Form des Relativismus – die sogenannte Harvard-School – die besagt, dass die Sprache das Denken fast vollständig bestimmt. Andere, wie Noam Chomsky, kritisierten dies als ungenügend empirisch belegt und plädierten für eine universelle Grammatik, die dem menschlichen Verstand inhärent sei.

Neue Erkenntnisse

Moderne Forschung beweist: Es ist komplexer

Heute wissen wir: Die Wahrheit liegt oft im Zwischenraum. Neurowissenschaften und Psychologie zeigen, dass Sprache zwar keine starre Schublade ist, aber dennoch unseren kognitiven Horizont verschiebt.

Farbwahrnehmung

Studien zeigen, dass Menschen, die in einer Umgebung leben, in der viele Farben benannt sind (wie im Englischen oder Deutsch), diese Farben schneller unterscheiden können als Sprecher von Sprachen mit wenigen Farbenbezeichnungen (wie in Warlpiri).

Raum und Orientierung

Forscher wie Len Talmy untersuchten, wie wir Raum beschreiben. Während englische Sprecher primär auf "links/rechts" orientiert sind, orientieren sich japanische Sprecher häufiger auf "vorne/hinten", was sich in der neuronalen Repräsentation des Raumes widerspiegelt.

Moralisches Urteilen

Eine Studie von Joshua Greene an der Harvard University deutet darauf hin, dass die Wahl zwischen "Können Sie die Person töten?" (Verben) und "Sollte die Person getötet werden?" (Modalverben) das emotionale Urteil maßgeblich beeinflusst.

Praxis

Konsequenzen für das Sprachenlernen

Wenn Sprache das Denken beeinflusst, dann bedeutet Lernen einer neuen Sprache nicht nur das Erwerb neuer Begriffe – es ist ein kognitiver Umbau.

Wenn Sie eine neue Sprache lernen, trainieren Sie automatisch Ihre Fähigkeit, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Sie lernen, zwischen dem Subjekt (Wer) und dem Akteur (Täter) zu unterscheiden, wo Ihre Muttersprache dies verschmelzen lässt.

Dies ist besonders wertvoll in einem globalisierten Kontext: Sprachkompetenz wird zunehmend zu einer Schlüsselkompetenz für kulturelle Empathie und interkulturelle Kommunikation.

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Portraitbild Dr. Hannah Kirschner
Autorenporträt

Über die Autorin

Dr. Hannah Kirschner ist Linguistin und Dozentin für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sie forscht spezialisiert auf kognitive Aspekte der Semantik.

Ihr Interesse gilt der Frage, wie sich lexikalische Felder im Gehirn organisieren und wie sich diese Strukturen im Lernprozess verändern. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft und hält regelmäßig Vorträge zum Thema "Sprache und Realität".

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