Die Frage, ob Sprache die Realität formt oder nur beschreibt, ist so alt wie die Sprachwissenschaft selbst. Mitte des 20. Jahrhunderts formten die Anthropologen Edward Sapir und sein Schüler Benjamin Lee Whorf die Theorie des linguistischen Relativismus.
Whorf beobachtete in den 1930er Jahren bemerkenswerte Unterschiede zwischen der amerikanischen indigenen Sprache Hopi und der englischen Sprache. Er argumentierte, dass die Hopi-Zeitvorstellung nicht linear, sondern eher ereignisbasiert sei, und schloss daraus, dass die Hopi-Sprecher eine völlig andere Wahrnehmung von Zeit besäßen als Sprecher von europäischen Sprachen.
Dies führte zu einer tiefen Spaltung: Einige, wie Whorf, argumenteten für eine starke Form des Relativismus – die sogenannte Harvard-School – die besagt, dass die Sprache das Denken fast vollständig bestimmt. Andere, wie Noam Chomsky, kritisierten dies als ungenügend empirisch belegt und plädierten für eine universelle Grammatik, die dem menschlichen Verstand inhärent sei.